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Interview: „Ernsthaftigkeit ist uns wichtig“

Der Medienwandel greift weiter um sich, und redaktioneller Raum in klassischen Medien wird immer knapper. Währenddessen erfindet sich der Journalismus im Netz längst neu. Die Blogosphäre ist vielstimmig, unübersichtlich und schnell. Aber wer sind eigentlich diese Finanzblogger? Darüber sprach Bare Münze mit Daniel Saurenz, ehemaliger FTD-Journalist und gemeinsam mit Benjamin Feingold Betreiber des Blogs Feingold Research. Mit ihrem Portal haben die beiden Börsenprofis dieses Jahr den comdirect finanzblog award gewonnen.

Bare Münze: Herr Saurenz, warum startet man eigentlich ein Blog zu Anlagethemen?

Daniel Saurenz: Antizyklisch, wie man so schön sagt. Die Financial Times Deutschland erschien ja am 7. Dezember 2012 zum letzten Mal. Wir befanden uns in einer Medienkrise. Eine der wichtigsten Finanz- und Wirtschaftszeitungen fällt weg – und das paradoxerweise in einer Zeit sinkender Zinsen und extrem hoher Privatvermögen, in der die Leute hohen Bedarf an Anlagelösungen hatten. Da haben Benjamin Feingold und ich uns gesagt: Das kann’s nicht sein. Wir wollten weiterhin möglichst viele Leute erreichen, die wir schon bei der FTD und Börse Online erreicht hatten – aber das viel schneller, dynamischer, und in einer anderen Form, nämlich über ein Investmentportal. So kam uns die Idee für Feingold Research.

Bare Münze: Sie selbst bezeichnen Feingold Research als „Investmentportal“ und auch wenn man Sie in anderen Medien zitiert, ist oft vom „Analysehaus Feingold Research“ die Rede. Warum nicht einfach „Blog“?

Saurenz: Den Begriff „Finanzblog“ kann man ruhig verwenden, allerdings hört sich „Blog“ immer etwas locker an – und Finanzthemen sind eben ein bisschen ernster. Diese Ernsthaftigkeit ist uns wichtig, und auch unseren Lesern, die uns häufig dieses Feedback geben. Heutzutage versuchen viele, über reißerische Überschriften und eine offensive Namensgebung Leser anzuziehen. Die Finanzbranche ist da keine Ausnahme. Mit dem Begriff „Investmentportal“ und dem Namen „Feingold Research“ wollten wir uns dagegen absetzen. Wir treten defensiver auf: Die Leute sollen gute Investmentideen und gute Analysen bekommen, aber vor allem sollen sie kein Geld verlieren.

Bare Münze: Apropos Geld: Wie finanziert sich Ihr Portal eigentlich?

Saurenz: Das ist wie beim klassischen Verlagsgeschäft: Wir müssen uns Werbepartner suchen. Allerdings denken manche Werbekunden da noch sehr klassisch und schauen jetzt statt Auflage eben auf die Klickzahlen – dabei kann man im Online-Bereich sehr viel kreativer vorgehen. Personell können wir das zwar nicht trennen, da wir ein kleines Portal sind, aber aus unserer Zeit bei der FTD haben wir, die ganz klare Trennung der Redaktion von all dem, was eigentlich Verlagsgeschäft ist, übernommen. Und wir haben eine ganz klare Prämisse: Auf unser Portal kommt kein Produkt, das wir nicht selber kaufen würden. Daneben machen wir auch externe Aufträge.

Bare Münze: Wie würden Sie sich gegenüber anderen Finanzbloggern und auch im weiteren Feld der Finanzöffentlichkeit verorten?

Saurenz: Wir haben von Anfang an immer gesagt: Wir wollen irgendwann die 11 Freunde der Finanzbranche sein. Die gehen ja auch anders an das Thema Fußball heran als der Kicker – nicht so umfangreich, aber netter und kreativer. Wir sprechen über Finanzen, aber anders, als man es kennt. Wir sehen uns durchaus als Ergänzung und in Konkurrenz zu den Online-Auftritten von Medien wie Börse Online oder Der Aktionär, mit dem Unterschied, dass wir einen geringeren Durchlauf an Artikeln haben und versuchen, das Ganze etwas mehr aus der Vogelperspektive zu sehen. Wir liefern zwar schnelle Analysen, aber keine kurzfristigen Schnellschüsse und Empfehlungen. Das ist auch ein ganz wesentlicher Unterschied zu vielen eher tradingaffinen Finanzblogs: Wir richten uns an Investoren und an Käufer von Finanzprodukten, aber nicht primär an Trader. Das sind auch wir von der Persönlichkeit her nicht – weder Trader noch pure Chartanalysten. Und wir sind auch von der Größe her ein echtes Finanzportal, bei dem mehrere Leute mitarbeiten. Unsere Texte unterscheiden sich durch die Länge und manchmal auch durch die Tiefe von dem, was man auf anderen Blogs lesen kann. Die meisten könnten auch als Zweiseiter in einem Magazin durchlaufen.

Bare Münze: Wie unterscheidet sich Ihre jetzige Arbeit von der, die sie zuvor bei Börse Online und der Financial Times Deutschland geleistet haben? Ist das Geschäft nur schnelllebiger geworden?

Saurenz: Ja, man arbeitet deutlich mehr und deutlich schneller. Das liegt in der Natur des Mediums und daran, dass wir jetzt unsere eigenen Herren sind. Wir haben zwar eine Lektorin, was bedeutet, dass jeder Text durch mindestens zwei Hände geht, aber wir müssen keine langen Abstimmungswege mehr gehen und warten, bis alles in den Druck geht. Dadurch haben wir mehr Zeit, unsere Ideen auf den Bildschirm zu bringen. Wir nutzen ein Redaktionssystem, mit dem wir Produkte mit wenigen Handgriffen einbinden können. So können wir dem Leser zeitnah die besten Informationen geben. Ein Beispiel: Einmal im Quartal werden am Dienstagabend um viertel nach zehn die Apple-Geschäftszahlen veröffentlicht. Dann haben wir um halb elf abends schon einen kleinen Beitrag auf der Seite – mit den entsprechenden Produkten dazu. Das wäre früher unmöglich gewesen.

Bare Münze: Das klingt, als gefalle Ihnen diese Arbeitsweise besser.

Saurenz: Das passt in jedem Fall in unsere Zeit, denn auch die Märkte sind schneller geworden. Andererseits fehlen in einem kleinen Team natürlich die Back-Ups. In einer großen Redaktion ist es einfacher, ein Thema auch mal wegzuschieben. Wenn wir mit drei Leuten einen reinen Recherchetag einlegen würden, bliebe die Seite einfach leer. Aber auch wir arbeiten nicht komplett ohne Lagerhaltung und haben immer ein paar Beiträge in der Hinterhand. Das gibt uns die Freiheit, auch mal mit mehreren Leuten einen Termin wahrzunehmen oder zum Beispiel geschlossen zu einer EZB-Zinsentscheidung zu gehen.

Bare Münze: Die Trennlinie zwischen einem privaten Blog und einem kleineren professionellen Online-Medium scheint also recht fließend zu sein.

Saurenz: Wir versuchen, die Möglichkeiten des Mediums mit dem journalistischen Anspruch und der Erfahrung zu verbinden, die wir mitbringen. Ich beschäftige mich seit knapp 15 Jahren mit Finanzmärkten und Finanzprodukten und bin trotzdem unter unseren Kern-Autoren derjenige mit der geringsten Erfahrung. Wir haben zum Beispiel eine sehr enge Kooperation mit Boersengefluester.de, das von Gereon Kruse geführt wird. Gereon arbeitet seit 25 Jahren als Finanzjournalist und war Gründungsmitglied und Chefredakteur bei Börse Online. So jemand weiß, wie man recherchiert und wie man Finanzprodukte anfasst. Wir haben aber auch zwei jüngere Leute im Team, die bei uns viel lernen und große Freiheit genießen, aber genauso liefern sollen wie alle anderen auch. Und wir könnten auch noch jemanden mehr gebrauchen im Team. Das Problem ist bloß: Der Markt ist total leergefegt.

Bare Münze: Es fehlt an Nachwuchs?

Saurenz: Das Anforderungsprofil ist anspruchsvoll: Finden Sie mal jemanden, der sich mit Finanzprodukten gut auskennt, zügig und gut schreibt und auch noch Erfahrung hat. Da hat sich nach der Finanzkrise und dem Ende der FTD viel verändert. Die FTD war wie ein Sandkasten, in den junge Journalisten reingeworfen wurden. Dort haben sie drei, vier Jahre eine Ausbildung gemacht und extrem viel mitgenommen, um dann zu anderen Zeitungen und Magazinen oder auch in die Agenturen zu gehen. Dieses Reservoir fehlt heute, nicht nur uns, sondern dem gesamten Markt. Es gibt noch Publikationen wie das Handelsblatt, Capital oder das Manager Magazin, doch alles andere spielt sich im Wesentlichen jetzt in Blogs und auf Internetportalen ab. Aber auch diese reinen Online-Medien brauchen gute Leute.

Bare Münze: Damit sind wir mitten im Thema Medienkrise. Spüren Sie die Veränderung auch bei Ihren Kontakten zu Unternehmen und Agenturen?

Daniel Saurenz: In dem Fall hat der Medienwandel etwas Positives. Lange Zeit hatte man als Journalist oft den Eindruck, die Agenturen wollen uns vor allem ihre Themen reindrücken. Ich war deshalb immer ein wenig skeptisch und zurückhaltend, obwohl ich mit einigen Leuten einen guten Austausch hatte. Aber jetzt sind viele ehemalige Journalisten in die Agenturen gegangen. Dadurch hat sich das Material, das man uns anbietet, stark verändert. Natürlich bekommen wir immer noch Sachen, mit denen wir gar nichts anfangen können. Aber jetzt gibt es auch viel Agenturmaterial, dem man anmerkt, dass es von Journalisten gemacht ist, die etwas vom Fach verstehen und wissen, wie wir denken und was wir brauchen. Manches hätte ich auch selber nicht besser hingekriegt – solches Material kann ich übernehmen und entsprechend kennzeichnen. Besonders bei nicht ganz alltäglichen Themen. Wenn ich zum Beispiel zu Fonds und zum Thema Anlage in Indien schreibe, und da gute Vorarbeit bekomme, greife ich die gerne auf. Und wenn ein EZB-Entscheid ansteht, liefern gute Agenturen mittlerweile wirklich aussagekräftige Kommentare mit Hintergrund und Grafiken. Das kann man einfach gut gebrauchen und das interessiert unsere Leser.

Bare Münze: Wie gehen Ihre Leser mit diesem Material um?

Saurenz: Wenn wir das kenntlich machen, haben unsere Leser auch kein Problem damit. Denn denen ist es im Endeffekt egal, ob das Wirtschaftswachstum oder die europäische Industrieproduktion von uns aufgearbeitet wurde oder von einer Agentur. Hauptsache, die Informationen sind richtig und brauchbar.

Bare Münze: Haben sich mit der Arbeit für Feingold Research Ihre Ansprüche an die Ansprache und das Material verändert?

Saurenz: Wer mit uns zusammenarbeiten möchte, sollte unsere Arbeitsweise bedenken. Gerade bei trägeren Produktgruppen wie Fonds wünsche ich mir, dass die Informationen ein bisschen schneller und auch ein bisschen aktueller sind. Bleiben wir bei der EZB-Sitzung: Stellen Sie sich vor, Sie bekommen fast eine Woche später einen Kommentar – ich finde das ein bisschen dünn. Da kann man heutzutage schneller sein.

Bare Münze: Hat die Agenturwelt denn mittlerweile verstanden, dass guter Journalismus nicht mehr nur in den klassischen Medien, sondern auch in Blogs und anderen digitalen Kanälen stattfindet?

Saurenz: Das hängt von der Qualität der Agenturen ab. Eine gute Agentur weiß, was die Käufer der Produkte ihrer Kunden lesen, und dann gehören Blogs selbstverständlich dazu. Wenn die Agentur beispielsweise für einen Fonds- oder ETF-Anbieter arbeitet, dann weiß sie, dass Feingold Research zwar zu einer Gruppe relativ kleiner Blogs gehört, aber dass diese Blogs in den Bereich Special Interest fallen. Zu uns verirrt sich niemand. Wer unseren Blog direkt oder über andere Quellen wie finanznachrichten.de liest, der ist auch ein potenzieller Käufer dieser Finanzprodukte. Auf den Seiten der Aggregatoren stehen wir neben Medien wie Der Aktionär oder Börse Online und liegen von den Aufrufen pro Artikel meist auf Rang eins oder zwei. Wer den Markt gut einschätzen kann, weiß das.

Bare Münze: Bleiben wir beim Thema Medienwandel. Weil immer weniger redaktioneller Raum in klassischen Medien zur Verfügung steht, gewinnen auch Corporate Blogs an Bedeutung. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Saurenz: Grundsätzlich halte ich Unternehmensblogs, wenn sie gut gemacht sind, für eine absolut ordentliche Sache. Da kann auch niemand sagen, er wüsste nicht, was er da lese – jeder weiß, dass das Unternehmen im Blog eine Message loswerden oder sein Produkt darstellen will. Der Nachteil ist natürlich, dass der Leser den Inhalten mit einer gewissen Skepsis begegnet. Aber die Leute lesen ja im Zug auch das Bahn-Magazin und wissen, dass die Bahn darin sehr positiv besprochen wird. In der Finanzbranche geht es natürlich um sehr harte Produkte. Wenn Apple ein Blog hätte, dann wäre für viele Leser das Produkt schon mal per se sexy. Und bei der Lufthansa lese ich mir natürlich auch gerne einen Reisebericht zu Südafrika durch, wenn ich ohnehin vorhabe, dorthin zu fliegen. Wenn mir aber jemand etwas von Aktienfonds erzählt, dann wird es schwierig.

Bare Münze: Werfen wir am Ende noch mal einen Blick in die Zukunft: Würden wir dieses Interview in zehn Jahren gar nicht mehr führen, weil Blogger ein ganz selbstverständlicher Teil des Journalismus geworden sind?

Saurenz: Generell sehe ich für den Journalismus längst nicht so schwarz wie viele andere. Unser ehemaliger Chef Steffen Klusmann bei der FTD hat geglaubt, dass sich die Tageszeitung zum täglichen Magazin mit weiter Perspektive weiterentwickelt, während sich alles Tagesaktuelle im Online-Bereich abspielt. Und dass es im Online-Bereich eine Unterscheidung zwischen den schnellen Durchlauferhitzern, wie heute schon Bild.de oder Spiegel Online, und dem Special-Interest-Bereich geben wird, wo ruhigerer Journalismus im Online-Format stattfindet. Die Entwicklung wird weiter dort hinführen. Es wird eine weitere Bereinigung geben, aber insgesamt wird der Informationsfluss anschwellen, und dabei spielen auch Blogger und natürlich Dienste wie Twitter eine Rolle. Eine einfache Google-Suche hilft da nicht mehr. Nach der ersten Ergebnisseite lesen wir doch nicht mehr weiter, obwohl viele tolle Sachen ganz woanders stehen. Wir brauchen gute Leute, die diese Flut strukturieren, einordnen und objektiv bewerten. In diese Richtung wird die Entwicklung gehen, und auch wir wollen diesen Weg gehen.

Bare Münze: Herr Saurenz, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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