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Prokon-Pleite: eine gute Geschichte, immerhin

Zur Pleite des verhinderten Windenergie-Riesen Prokon ist alles gesagt – und auch schon so ziemlich von jedem. 10.600 Treffer weist alleine die Google-News-Suche nach Prokon derzeit aus. Die Artikel erzählen von den speziellen Werbepraktiken des Windparkfinanzierers, von problematischen Bilanzstrukturen, von wilden Verschwörungstheorien und vom bösen Verdacht, dass Prokon letztlich einfach nur ein Schneeballsystem betrieben haben könnte. Häufig taucht im Prokon-Kontext auch derzeit wieder die Frage auf, warum so viele Anleger den Versprechungen des Unternehmens geglaubt haben. In den Hintergrund tritt dabei häufig die Tatsache, dass Firmengründer Carsten Rodbertus seinen Investoren tatsächlich etwas zu bieten hatte: eine gute Geschichte. Der Aufstieg und Fall von Prokon ist auch ein Musterbeispiel für die Macht des Storytelling.

Nur so lässt sich erklären, warum ein derart ambitioniertes, fast von Beginn an durch harsche Kritik begleitetes Vorhaben wie die Finanzierung von Windparks mit dem Geld zehntausender Kleinanleger nicht schon auf den ersten Metern scheiterte. Warum aus dem Projekt eines einzelnen Mannes die wohl größte Pleite in der Geschichte des Grauen Kapitalmarktes werden konnte. Warum 75.000 Anleger ganze 1,4 Milliarden Euro in Genussrechte investierten und nun versuchen müssen, ihre Rechte beim Insolvenzverwalter geltend zu machen. Es ist am Grauen genauso wie an allen anderen Kapitalmärkten: Ohne eine gute Investment-Story lassen sich keine Investoren anlocken. Was also hat Prokon zu einer solch großen Story werden lassen?

Die Zutaten zur Geschichte von Prokon

Wie bei einem Drama dieses Ausmaßes nicht anders zu erwarten, kommen mehrere Faktoren zusammen:

  • Die in den 1980ern beginnende, immer tiefere Verankerung des Umweltbewusstseins in der Gesellschaft: Sie hat nicht nur die Grünen zur Regierungspartei gemacht und eine ganze Branche entstehen lassen, die sich mit Erneuerbaren Energien beschäftigt. Sie hat auch dem Schmuddelkind Prokon den Weg geebnet.
  • Die Finanzmarktkrisen der 2000er-Jahre: Die globale Bankenkrise des Jahres 2008 und die noch immer schwelende Schuldenkrise in der Eurozone haben angesichts ihrer Ausmaßes und ihrer Komplexität weite Teile der Gesellschaft fassungslos gemacht. Die Komplexität der modernen Gesellschaft überfordert uns einzelne Menschen ohnehin und andauernd. Schon lange wurde das nicht mehr so deutlich wie im Streit um Bail-Outs von Großbanken und Krisenstaaten. Jede ins Feld geführte – und von Experten gut begründete – Rettungsmaßnahme wurde unverzüglich von anderen Experten als sicherer Weg in den Untergang verdammt. Den nicht mit Wirtschaftsnobelpreisen ausgezeichneten Normalbürgern blieben im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: darauf zu vertrauen, dass alles gut werden wird. Oder sich abzuwenden – und hin zu Prokon. Vor diesem Hintergrund ist die Attraktivität des Unternehmens auch als Misstrauensvotum gegen das Bankensystem und die Finanzwelt insgesamt zu sehen.
  • Die Person des Unternehmensgründers: Carsten Rodbertus verfügt zum einen über eine enorm glaubwürdige Biografie. Die ließ ihn vom Buchhalter zum Windkraftpionier und schließlich zum Missionar werden, der sein Milliardenunternehmen mit Pferdeschwanz und einem Auto der Billig-Marke Dacia landauf, landab repräsentierte. Zum anderen hatte er offenbar keine Gewissensbisse, weil er Genussrechte seines Unternehmens als sichere Geldanlage an Kleinanleger verkaufte.

So konnte Rodbertus also Zehntausende von Anlegern in seinen Bann ziehen, indem er an deren Lust auf Rendite ebenso appellierte wie an ihr ökologisches Gewissen. An den Wunsch, am Bau einer besseren Welt mitzuwirken und dabei zugleich 8 Prozent p. a. zu verdienen. Wer fände das nicht deutlich attraktiver als das Geld einer jener bösen Banken anzuvertrauen, die erstens Teil eines schlechten Systems sind und zweitens Zinsen knapp unterhalb der Inflationsrate zahlen?

Die Macht und die Grenzen des Storytellings

Rodbertus erzählte seine Geschichte mit Verve – und konnte angesichts seiner konsequenten Positionierung gegen das Establishment direkt auch Zweifel an der Glaubwürdigkeit all seiner Kritiker säen. Schließlich gehörten sie dem Establishment an. Das führte am Ende zwar zu immer schrilleren Tönen, aber offenbar dennoch nicht zum völligen Verlust seiner Glaubwürdigkeit: Noch kurz vor dem Zusammenbruch des Unternehmens gründeten sich die „Freunde von Prokon“, die inzwischen nach eigenen Angaben fast 6.000 Mitglieder zählen. Sie wollen das Unternehmen „kritisch – eigenständig – solidarisch“ begleiten. Auch in der Insolvenz. Und egal wie die Sache am Ende für Anleger und Firmengründer ausgeht: Eine spannende und lehrreiche Geschichte bleibt sie in jedem Fall.

Aber was ist die Moral von der Geschicht?

Sie zeigt vor allem die Macht und die Grenzen guten Storytellings auf: Prokon war von Anfang an fast nur Story und hatte wenig Anderes zu bieten. Deshalb musste das Geschäft früher oder später implodieren. Spätestens an diesem Punkt zeigte sich, dass die beste Geschichte nichts taugt, wenn sie mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Dennoch können auch seriöse Finanzdienstleister aus dem Fall lernen – und sei es nur, dass es nach all den Jahren der Krise und der zunehmenden Regulierung wieder Zeit ist, offensiv die vielleicht komplexe, aber deshalb noch lange nicht schlechte Geschichte eines Wirtschaftssystems zu erzählen, das samt seiner Finanzmärkte weiten Teilen der Welt großen Wohlstand gebracht hat, weiterhin dringend gebraucht wird – und natürlich auch für Investoren große Chancen bietet. Das mag angesichts des weit verbreiteten Desinteresses an Wirtschaft und Börse nicht leicht sein. Allerdings haben seriöse Anbieter gegenüber Prokon dafür auch unbestreitbare Vorteile: Substanz, Transparenz und funktionierende Geschäftsmodelle zum Beispiel.

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